Abschied von Lübeck

1811 war nun Lübeck per Dekret in das französische Kaiserreich einverleibt worden. Das hieß für die Bürger der Stadt, dass nicht mehr das bewährte Lübische Recht galt, sondern nur der Code Napoléon. Die Torsperre wurde aufgehoben und der Zugang zur Stadt und der Warenverkauf auf dem Markt erleichtert (Dittrich 2007. S.96). Es blieb eine kriegerische Zeit mit vielen Entbehrungen. Beispiele liefert das Sterbebuch (S.123f) von 1811. Unter der Nr.145 steht geschrieben, dass ein Soldat schwer verwundet am 9. November ins Hospital eingeliefert wurde und dort am 14. November an seinen Verletzungen erlag. Das war nur ein Beispiel unter vielen. Immer wieder wurden verwundete Soldaten im Hospital der Stadt Lübeck versorgt und starben dort an ihren Verletzungen.

Die Säuglingssterblichkeit war hoch. Auch Mathias Christian Driedrich und seine Frau mussten dies erfahren. Als ihr Sohn Carl-Heinrich am 16. August 1811 geboren wurde, durften sie sich nur eine kurze Zeit darüber freuen, er starb als Säugling. Der Tod klopfte aber oft auch im blühenden Alter an die Tür. So war es bei Anna Marie,  einer der Schwestern von M.C.D. Asmuss. Sie war als Marktfrau im Auftrag von Johann Wilhelm Korbe tätig, als sie plötzlich und unerwartet am 20. November starb. Männer fanden sie nachmittags am Mühlentor. Was war geschehen? Gerichtsmediziner, wie wir sie heute kennen, gab es damals nicht. Deshalb wissen wir nicht, ob sie eines natürlichen Todes starb, ins Wasser ging oder ermordet wurde. Zum Zeitpunkt ihres Todes war sie gerade mal 29 Jahre alt.

Alle Lübecker sehnten sich nach Frieden und wirtschaftlichem Aufschwung. Aber der ließ auf sich warten. Die Kriegstrommeln ertönten. Die Russen unter Tettenborn zogen im März 1813 in die Stadt und vertrieben die Besatzer, die Franzosen. Aber schon im Juli kehrten diese in die Stadt zurück. Eine schlimme Zeit auch für M.C.D. Asmuss und seine Familie. Ein weiterer Sohn erblickte am 25. Juli 1813 das Licht der Welt. Sie nannten das Kind, das kurze Zeit später starb, Karl.

Bald wendete sich das Blatt. Anfang Dezember des selben Jahres zog Marschall Bernadotte erneut mit seiner Armee in die Stadt ein. Diesmal stand er nicht wie damals 1806 auf der Seite der Franzosen, sondern nun kämpfte er auf der Seite Schwedens. Es gelang ihm, die Stadt von den Franzosen zu befreien. Der alte Senat wurde wieder eingesetzt und eine Hanseatische Legion gemeinsam mit den beiden anderen Hansestädten gegründet, um die Herrschaft Napoleons in Deutschland endlich zu beenden (Graßmann 2009, S.21 ).

In dieser von Veränderungen und Chaos geprägten Zeit entwickelte M.C.D. Asmuss weitere Verdienstmöglichkeiten, um seine Familie zu ernähren. Die Geschäfte als Kaufmann gingen schlecht, noch immer war kein Aufschwung in Sicht. Deshalb betätigte sich M.C.D. Asmuss als Makler (Volkszählung 1815) verschiedener Artikel. Ob er das Lager an der Beckergrube über die Jahre erhalten konnte, ist aus den Unterlagen nicht ersichtlich. Der ersehnte Aufschwung ließ allerdings auf sich warten.

Die Volkszählung von 1815, die erste nach der Vertreibung der Franzosen durch die Russen, erfasst auch M.C.D. und seine Familie. Zu diesem Zeitpunkt besaß er ein Haus – es war vermutlich sein Elternhaus- in der Mühlenstraße 19 im Marien Quartier. Acht Personen lebten zu diesem Zeitpunkt im Haus. Neben den Eltern gehörten noch drei Söhne und eine Tochter nebst einer weiblichen Angestellten dazu. Aber noch eine weitere Person lebte im Haus. War es die älteste Schwester von M.C.D., Magdalena Catherin? Sie lebte vermutlich bis 1817 im Haus, denn fast 50-jährig heiratete sie 1817 Friedrich Wittig und starb am 8. November 1845 hochbetagt.

Den heiß ersehnten Aufschwung erlebte Mathias Christian Diedrich Asmuss nicht mehr. Er starb am 27. Juni 1819 in Rosted. Er war mit zwei Angestellten unterwegs, als er plötzlich und unerwartet zusammenbrach und vormittags starb (Sterberegister der Stadt Lübeck Nr. 382 aus dem Jahr 1819). Ein schwerer Schlag für die Familie. Nun musste sich Anna Margarita allein um ihre fünf noch lebenden unmündigen Kinder kümmern. Vom Aufschwung konnte auch sie noch nicht profitieren, denn erst nach 1820 wählten die letzten nach dem Wiener Kongress verbliebenen Reichsstädte – Hamburg, Lübeck, Bremen und Frankfurt – die alte Hansestadt Lübeck zum Sitz ihres Appellationsgerichtes. Der Handel atmete auf.

Für die Witwen dieser Zeit gab es nur wenige Möglichkeiten, ihre Kinder durchzubringen. Selten war Vermögen vorhanden. Wer sollte die Geschäfte übernehmen? Sollte sie mit ihren Kindern in den Flüchtlingshof in der Glockengießerstraße ziehen? Im Falle des Todes des Ernährers halfen aber gegebenenfalls Freunde und Paten der Kinder der Familie für eine kurze Zeit. Der Schwager, Lorenz Heinrich Asmuss,  konnte Anna Margarita nicht mehr helfen.

Anna Margarita musste für sich und ihre Kinder einen Ausweg finden. Eine erneute Heirat bot sich an. Anna Margarita heiratete Eduard David Schröder aus Riga.  Der Name Schröder hatte in Lübeck einen guten Ruf. 1752 baute der Zimmermann Heinrich Schröder in der Beckergrube das erste Theater Lübecks und war zwei Jahre später Theaterdirektor (Dittrich, K.2007, S.89). Das Adressbuch von Lübeck nennt 1798 noch viele Lübecker Bürger mit dem Namen Schröder. Sie hatten unterschiedliche Berufe.

Als Anna Margarita ihrem 2. Ehegatten 1820 heiratete und ihm nach Riga folgte, war es ein Abschied von Lübeck für immer. Vielleicht fuhr sie auf einer Krevette nach Riga (siehe Bild), denn das erste Dampfschiff befuhr die Strecke erst ab 1824. Es stürmte, als sie Riga erreichten