Napoleon Asmuss

Napoleon und seine Geschwister kamen in die Obhut ihres Onkels Johann Martin,. Dieser leitete seit 1813 eine private Lehranstalt in Dorpat. Napoleon und seine Schwestern erhielten eine sorgfältige Schulausbildung. Die Schwestern besuchten die Töchterschule, an der Johann Martin zeitweise ebenfalls unterrichtete.

An der Landesuntiversität Dorpat – heute Tartu- schrieb sich Napoleon im Juli 1826 ein. Er wählte das Studium der Theologie.

Seine Mitstudenten und auch die späteren Kollegen beschrieben ihn als bescheiden, liberal und zurückhaltend, als jemanden, der bereitwillig seine Kenntnisse zur Verfügung stellte. Ernsthaft und fleißig widmete er sich dem Studienfach. Von Sankt Petersburg aus schlich der Panslawismus in die Städte Lettlands. Auch Napoleon sah diese Entwicklung mit Besorgnis.

„Deutsch-Balten“ hatten die„Lettisch-Literärischen Gesellschaft“ 1824 in Riga und Mitau mit dem Ziel gegründet, Sprache, Volkslieder und Kultur der Letten zu erforschen. Das Sprachrohr der Gesellschaft, die Zeitschrift „Magazin“ erschien quartalsweise. Die Schriften kreisten rund um die Frage, wie es möglich sei, die Geschichte und Sprache des jeweiligen Volkes zu bewahren.

Mit dieser Fragestellung griff das Magazin die aktuelle Furcht der Balten auf, die befürchteten ihre Sonderstellung im Baltikum zu verlieren. Denn die Bewegung des Panslawismus strebte an, die russische Sprache zur ersten offiziellen Sprache in den Einflussgebieten des russischen Reiches zu erheben. Russisch wurde die Amtssprache vor Gericht. Die bisherige Landessprache erfuhr eine Degradierung zur Mundart. Das missfiel den Deutschbalten. Es gelang ihnen zwar nicht, diese Entwicklung zu verhindern, aber sie erwirkten in Lettland eine Verzögerung der Umsetzung. Auch Napoleon Asmuss las regelmäßig die „literärischen Schriften“.
Im Dezember 1829 schloss Napoleon Asmuss das Studium ab. Als Kandidat der Theologie wählte er den Beruf des Lehrers. Die erste Anstellung erlangte er bei Johann Heinrich Hollander in Riga, dem Ältesten der rigaschen Gilde. Dieser beauftragte ihn mit der Erziehung und pädagogischen Ausbildung seines Sohnes Christoph. Napoleon übernahm diese Aufgabe gerne und er erwarb sich Hollanders Anerkennung. Beide Familie blieben auch in späteren Jahren freundschaftlich verbunden, so steht es im Nachruf.

Diese erste Anstellung und die daraus resultierenden pädagogischen Erkenntnisse ermutigten Napoleon, in Riga am 8. September 1838 eine private Lehr- und Pensionsanstalt für Knaben ab dem 6. Lebensjahr zu gründen.

Als Schulungsort wählte er das Haus Geertz auf der Herrenstraße. Die Schule führte Elementarklassen und Klassen, die auf den Übertritt in das Gymnasium vorbereiteten. Für diese Aufgabe stellte er einen Absolventen des Lehrerseminars des Weißenfelser Seminars in Sachsen-Anhalt ein (Rigasche Stadtblätter vom 23.07.1841).

Als Sohn eines Kaufmannes wusste Napoleon sehr wohl, welche Kenntnisse im Wirtschaftsleben und besonders für angehende Kaufmänner und im Handel tätige Personen wichtig waren. Aber seinen Schülern wollte er eine umfassende Bildung anbieten. Den Schülern in den Elementarklassen seiner Commerzschule vermittelte er die Grundlagen für eine spätere Tätigkeit im kaufmännischen Bereich. Auf dem Unterrichtsplan standen kaufmännisches Rechnen, Handelskorrespondenz, und Warenkalkulationen. Die Schüler lernten, Preise und Rechnungen zu erstellen und Kontokorrent mit Zinsen zu berechnen sowie Kurs- und Wechsel-Verhältnisse. Sie erarbeiteten sich nicht nur die im Handel gebräuchlichen Fachtermini, sondern auch ausreichende Kenntnisse in den Sprachen Deutsch, Russisch, Französisch und Englisch. Nicht zu kurz kamen die Fächer Religion, Handelsgeographie, Weltgeschichte, Naturgeschichte, Naturlehre und Technologie sowie Geometrie. Auch Gesang und Zeichnen nach der Natur und nach Vorlagen komplettierten die zweijährige Ausbildung. Großen Wert legte Napoleon auf die Ausbildung einer gut lesbaren Handschrift. (Rigasche Stadtblätter vom 26.06.1852).

Das Schulgeld betrug jährliches 100 Rubel. Lebten die Schüler als Pensionäre, quasi im Internat, folgten weitere 100 Rubel für die Unterbringung und Verpflegung (Rigasche Zeitung vom 25.06.1853).

Regelmäßig schaltete Napoleon Asmuss Anzeigen, um auf die Anmeldung hinzuweisen. In seinem Haus, dem Haus Kaull in der Altstadt, nahm er die Anmeldungen persönlich entgegen („Rigasche Stadtblätter Nr. 31 vom 30.07.1859).

Bernhard Hollander beschreibt das Kaullsche Haus „ …als das schönste in der Straße der Altstadt Riga“. Dieses Haus Nr. 17 war einst von Christoph Haberland, dem Stadtarchitekten Rigas von 1789-1797, im Stil des Klassizismus gebaut worden.

Seine Gattin lernte Napoleon durch den Kontakt mit der Mutter, Charlotte Louisa Möller, geborene Wagner, kennen. Seit 1835 betätigte sie sich in der „wohltätigen Erziehungsanstalt, dem „von Fischerschen Institut für Damen“ (http://www.bbl-digital.de) als Inspectrice (Rigasche Stadtblätter, Nr. 15 vom 9.04.1864).

In der Domkirche in Riga am 7. Juli 1840 (Kirchenbuch Domkirche) heiratete Napoleon Asmuss die gemeinsame Tochter Maria Dorothea der Eheleute Charlotte Luise und des Handlungs.-Kommiss. Karl Möller (Rigasche Stadtblätter Nr. 28), die am 30.10.1817 das Licht der Welt erblickt hatte. (Rigasche Stadtblätter Nr.1 vom 4.01.1818).
Maria Dorothea Asmuss und Napoleon kümmert sich bald um die vier eigenen Kinder. Nach den Töchtern Maria, geboren 1841, Anne 1842 und Emmi 1844 folgte der Sohn Ludolf 1845.

Napoleon Asmuss teilte das Ziel der „Literärisch-Praktischen Bürger-Verbindung“, das Gemeinwohl der Stadt Riga zu fördern. Seine Kenntnisse und seine Fähigkeiten stellte er der Verbindung zur Verfügung: Er unterrichtete nebenher unentgeltlich in der Lutherschule und betätigte sich als Historiograf der Verbindung.

Als ihn die Bürger-Verbindung am 1. Mai 1852 mit der Redaktion der „Rigaschen Stadtblätter“ bedachte, übernahm er diese Aufgabe mit dem Vorsatz, seinem Vorbild Karl Gottlob Sonntag, dem Begründer und ersten Redakteur der Stadtblätter, nachzueifern. Es gelang ihm das Rigasche Stadtblättchen aus dem Schlummerschlaf als Nachrichtenblättchen über Geburten, Todesfällen und Eheschließungen in der Stadt herauszureißen. Themen wie gemeinnützige Fragen, Neuerscheinungen in der Literatur und der Kunstszene im In-und Ausland bereicherten nun das Blättchen. Daneben schrieb und recherchierte er für die Bürger-Verbindung und veröffentlichte mehrere Werke wie :
• Das Leben des Bürgermeisters Alexander Gottschalk von Sengbusch 1738-1800.
• Die Rigaschen Verfassungswirre 1801-1805

Vierzig Jahre lang bekleidete er das Amt des Inspektors der Bibliothek der Musse. Er wählte die Literatur aus, die für die Bibliothek angeschafft wurde. So besaß die Gesellschaft der Musse bald einen wertvollen Bücherschatz. Ihre Mitglieder schätzten den Bücherfundus, wenn sie in den Club eigenen Räumen in gemütlichen Sesseln die Literatur studierten. Seine Tüchtigkeit sprach sich rum. Auch Ed. Franzen hörte davon, der ihn am 6. Juni 1856 im Namen des Börsen-Komitees zum Dispacheur ernannte.

So kam es, dass ihn das Börsen-Komitee im Juli 1856 nach Hamburg entsandte, um sich dort vor Ort hinsichtlich der Schadensbeurteilung und -bewertung ausbilden zu lassen. Neben seinen umfassenden kaufmännischen Kenntnissen kam nun das Wissen im Umgang mit der Schadensverteilung im Fall einer Havarie hinzu. Er wurde zum Sachverständigen für Havarieschaden. Zu seiner Aufgabe gehörte es, die Schadensursache, den Schadenshergang und den Umfang des Schadens zu ermitteln sowie die Schadensursache zu finden. Dazu kam eine Beurteilung, welche materiellen Schäden den Beteiligten entstanden waren und wer für den Schaden zu haften hatte. Es war ein Job, der auf Vertrauen baute. Seine Expertise beeinflusste den Schiedsspruch vor Gericht.

Als Dispacheur fuhr er 1864 ins englische York. Wenige Jahre zuvor hatte in Glasgow ein Meeting stattgefunden. Auf dieser Konferenz wollten die seehandeltreibenden Staaten gemeinsame Regeln hinsichtlich Havarien entwerfen. Es wurde ein Komitee ernannt, das nach den auf dem Meeting vereinbarten Prinzipien einen Entwurf ausarbeiten und dem Börsen-Komitee vorgelegen sollte. Das Kommitee beauftragte Napoleon Asmuss mit der Ausarbeitung des verlangten Gutachtens.

Als im September 1864 in York der internationale Kongress stattfand, zollten die Anwesenden Napoleon Asmuss für die in seinem Gutachten entwickelten Ansichten Anerkennung. Im darauf folgenden Jahr erstellte Napoleon im Auftrag des Börsen-Komitees eine Expertise hinsichtlich der Aufstellung von gemeinschaftlichen Rechtsgrundsätzen für das Frachtgeschäft. Diese wurde in Sheffield auf der Jahresversammlung „National-Affocation“ für die Förderung der „Sozial-Wissenschaften“ vorgelegt (Rigasche Stadtblätter 1878).

Napoleon Asmuss erfuhr mit fortschreitenden Alter gesundheitliche Einschränkungen. Nur noch mit einem Hörrohr gelang es ihm, Gespräche zu verfolgen. Er konzentrierte deshalb seine Arbeitskraft auf die Dinge, die er trotz dieser Einschränkung auszuführen vermochte.

Im Namen der Bürger-Verbindung gab er dreimal das Rigaer Adressbuch heraus. Bürger sperrten sich anfangs gegen die Veröffentlichung ihrer Wohnorte. Aber Napoleon Asmuss gelang es, die Wogen zu glätten. Als das Adressbuch von 1861 gedruckt wurde, enthielt es nicht nur Adressen, sondern auch einen Anhang mit wertvollen topografischen, historischen und statistischen Auswertungen.

Er arbeitete bei der Erstellung des Häcker´schen livländischen Kalenders und des Rigischen Almanachs mit. Seine Recherchenotizen flossen in der Chronik Rigas ein, in der er seine lokalhistorischen Forschungen, angereiht mit Statistiken einfügte.

Aus dem Almanach ging das Album von Riga 1871 hervor, das auch das neue Elektrizitäts- und Wasserwerk mit einschloss. Er arbeitete mit bei der neuen Auflage des deutsch-russischen Teils des Pawlowskischen Wörterbuchs. Das Erscheinen erlebte er nicht mehr.

Sein Wirken für die Stadt Riga führte 1877 zu einer besonderen Ehrung. Die Bürger-Verbindung ernannte ihn zum Ehrenmitglied. Als er am 24. August 1878 nach schweren Leiden starb, erschienen ihm zu Ehren ein Nachruf und ein Gedicht in den Rigaschen Stadtblättchen. Schade, dass er es nicht mehr lesen konnte. Er hätte sich gefreut.