Ernst Martin Asmuss in Lübeck

Lübeck war freie Reichsstadt. Rat und Bürgerschaft hatten keinem Grafen, keinem Herzog und keinem Bischof zu gehorchen. Für die Bürger der Stadt galt das Lübecker Recht, dieses regelte die Veräußerung von Besitz, steuerte die Erb- und Eherechte und die Maßnahmen bei Streit, Diebstahl, Verleumdung, falschen Maßen und Gewichten. Die Bürger profitierten von den besonderen Privilegien, die Friedrich II dieser Stadt einst gegeben hatte und, die bis ins Jahr 1937 ihre Gültigkeit behielten. Sie mussten nicht in den Krieg ziehen, dafür aber auf den Befestigungen, den Wällen um Lübeck, ihre Stadt verteidigen.

Es war im Jahrzehnt des Friedens, als im Jahr 1728 Ernst Martin Asmuss das Licht der Welt erblickte. Auch ihn zog es als Jüngling in die Stadt Lübeck. Er wollte an ihren bürgerlichen Privilegien teilhaben und sich eine sichere Zukunft in dieser Stadt aufbauen. Die Aussichten erschienen ihm günstig, denn hier waren vor nicht langer Zeit Reformen erfolgreich umgesetzt worden. Das Gemeinwesen war neu gestaltet und die Ratsverfassung geändert worden. Handwerker waren nicht mehr von der politischen Machtausübung ausgeschlossen. Nun durften Handwerker und Bürger Mitglied Ausschüsse bilden und ihre Perspektiven in den Rat bringen. Kein Wunder, dass in Friedenszeiten Lübeck viele Menschen anzog.

Viele Ankömmlinge erhofften sich Arbeit und Wohlstand. So ist es nicht verwunderlich, dass die Stadtbevölkerung in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts auf rund 25000 Einwohner anwuchs. Zwar gehörten nur wenige der Bürgerschaft Lübecks an, aber es lebte sich gut in Lübeck, in der Stadt, in der sich 1519 Gustav Wasa versteckt und 1716 Zar Peter der Große gewohnt hatte. Lübeck war nicht nur in frühen Tagen der Kreuzzüge gen Osten, sondern auch später ein Ausgangshafen für die Route zu den Hafenstädten Königsberg, Memel (Klaipeda) und Riga.

Die Nordischen Kriege waren vorüber. 1666 wurden an die 40.000 Kolonisten durch die Stadt geschleust, die alle dem Ruf der Zarin Katharina der Großen gefolgt waren, sich in Russland anzusiedeln. Sie hatten hier auf die Überfahrt gewartet.

Der Handel erblühte, als es den Lübecker Ratsherren 1716 gelungen war, einen Handelsvertrag mit Frankreich zu schließen und im Geburtsjahr von Ernst Martin das Durchfahrverbot abgeschafft worden war. Die durch die vergangenen Kriegszeiten leeren Stadtkassen und Geldbeutel der Kaufleute füllten sich wieder. Lübeck wurde zu einer aufblühenden, modernen Stadt. Seit 1732 verfügte sie über eine regelmäßige Straßenbeleuchtung und seit 1751 über eine eigene Zeitung, die „Lübeckischen Anzeigen“. Die Hanse war zu dieser Zeit längst schon Geschichte.

Ernst Martin fand eine Anstellung beim Müller Johann Christoph Dau und seiner Ehefrau Elisabeth. Die Eltern der Elisabeth, Johann-Otto Hoffmester und seine Gattin, hatten dem kleinen Mädchen, das am 4. August 1743 zur Welt kam, den Vornamen „Engel“ gegeben, ein zur damaligen Zeit üblicher Name, wie das Adressbuch von 1798 dokumentiert.

In der Mühle des Johann Christoph Dau arbeitete nun Ernst Martin Asmuss. Der Standort der Mühle ist ungeklärt. Vermutlich war es eine Bockwindmühle, die häufig auf freiem Feld oder auf einer Anhöhe stand, denn schon lange gibt es sie nicht mehr. Die aus Holz gezimmerten Mühlen waren nicht so beständig, wie die aus Steinen errichteten, und konnte bei starkem Wind auch umkippen. Heutzutage sind die hölzernen Bockwindmühlen längst verschwunden. Von den zahlreichen Mühlen in Lübeck hat nur die eine oder andere Wassermühle überlebt.

Als der Müller Johannes Dau starb, heiratete Ernst Martin Asmuss nach einer angemessenen Trauerzeit dessen Witwe, Elisabeth Dau. Mit dieser Heirat kam die Mühle mit dazu gehörigem Gelände in seinen Besitz. Auf dem Gelände befand sich das Waschhaus mit Scheune, der Abtritt und der Hühnerstall sowie ein Garten-, Acker-, Wiesen- und Teichareal.

Als Müller war Ernst Martin Selbstversorger. Er baute die wichtigsten Lebensmittel wie Getreide, Kartoffeln und Gemüse selbst an. Deshalb gehörten zu einer Mühle ein Kohlhof und ein Gemüsegarten. Nicht selten tummelten sich auf dem Mühlengelände Schweine oder Ziegen – und auch eine Kuh für die benötigte Milch und Hühner als Eierlieferanten.

Wie alle Müller war Ernst Martin Asmuss Unternehmer mit Angestellten. Er musste sich an die Stadtgesetze halten. Manche Müller hatten eine Pacht an die Stadt und jeder hatte Gebühren an die zum Bezirk gehörende Kirche zu zahlen. Die Ratsherren hatten jedem Müller einen festen Kundenstamm zugewiesen. Einige Müller mahlten ausschließlich für den Export. Bäcker waren verpflichtet, ihr Getreide in einer vorbestimmten Mühle mahlen zu lassen. Dieser Mahlzwang, der nur für die Kornmühlen galt, wurde erst mit der Einführung der Gewerbefreiheit am 21. Januar 1869 in Lübeck aufgehoben.

Viele Mühlen, die als Kornmühlen betrieben wurden, besaßen das Privileg des Graupen- und Grützemachens und oft auch des Malzmachens und Branntweinschrotens. Ernst Martin durfte als Müller Branntwein brennen und auch außerhalb des Hauses zu verkaufen. Was ein Müller durfte und was nicht war seit 1610 im Mühlengesetz geregelt. Bevorzugung und Korruption waren strengstens untersagt.

Viele Kunden warteten vor Ort, bis sie ihr Mehl mitnehmen konnten. Das konnte schon mal lange dauern. Manche Männer übernachteten auch auf dem Mühlengelände. Frauen war dies untersagt. Damit ihnen die Zeit nicht zu lang wurde, wurden ihnen Essen und Getränke, z.B. Bier oder Branntwein angeboten. Ein Service, der hier und da auch ausgeweitet wurde.

Das Krughaus bei der Kuckucksmühle war dafür bekannt. Diese Mühle war ab 1600 eine Walkmühle an der Geniner Straße. Da sie den Gästen bzw. Wartenden die Wartezeit nicht nur mit Speisen, sondern auch mit der Einladung zum Trinken in froher Gesellschaft versüßte, nannten die Bürger diese Mühle Lusthaus. Aber ein so einträgliches Geschäft machte nicht jeder Müller – auch Ernst Martin nicht .

Die Aufgabenverteilung innerhalb des Betriebes war klar aufgeteilt. Ernst Martin kümmerte sich um alle Dinge rund um das Korn. Für andere nötige Arbeiten beschäftigte er Gesellen vom Fach. Die Arbeiten im Stall und im Gemüsegarten beaufsichtigte seine Frau Elisabeth.

Bald schon stellte Ernst Martin fest, dass mit einer Kornbrennerei mehr zu verdienen war als mit dem Mahlen von Korn. Fortan mahlte er nicht mehr Mehl in seiner Mühle, sondern schrotete und brannte Brandwein. Als am 17. Oktober 1767 die Tochter Magdalena Catherine zur Welt kam, gab er als Beruf „Brandweinbrenner“ in der Geburtsurkunde an. Um seinen Branntwein zu vermarkten, benötigte er gute Kontakte zu Kaufleuten wie zu dem Kaufmann Lorenz Mathias Kook. Ein Lager für seine Waren fand er in der Nähe des Hafens, vermutlich in der Beckergrube 105, die sich noch 1798 im Besitz seines Sohnes Mathias Christian Diedrichs befand.

Alles hätte so weitergehen können, aber Unheil kündigte sich an. Elisabeth die Ehegattin des Ernst Martin Asmuss und die Mutter seiner Kinder starb. Besonders die beiden zuletzt geborenen Kinder, Anna Elisabeth und Mathias Christian Diedrich, der zwei Jahre nach seiner Schwester Anna Elisabeth im Jahr 1771 geboren worden war, traf dieses Unglück hart. Wer sollte sich nun um die Kinder, um den Stall und den Gemüsegarten kümmern?

Ernst Martin Asmuss fand eine Lösung für dieses Problem. Er heiratete am 20. Dezember 1773 Anne Margarete Koock, die am 19. November 1743 als Tochter des Kaufmanns Lorenz Mathias Koock geboren worden war. Schon bald vergrößerte sich die Familie. Am 21. Dezember 1774 kam Lorenz Heinrich zur Welt. Johann Jakob, geboren am 18. Oktober 1777, wurde nur 9 Jahre alt. Anna Maria folgte am 16. Juni 1781, erreichte zumindest das Alter von 30 Jahren. Sie war nicht verheiratet, als sie am 20. November 1811 tot unter ungeklärten Zuständen am Mühlentor unweit des Mühlenteiches aufgefunden wurde. Als letztes Kind dieser Ehe wurde Johann Martin am 29. November 1784 geboren.

Ernst Martin war ein guter Geschäftsmann. Einen Absatzmarkt für seinen Branntwein fand er auch im lettischen Riga, der alten Hansestadt am östlichen Zipfel der Ostsee. Deshalb sorgte er dafür, dass seine Kinder das Geschäft einst übernehmen konnten und mithalfen. Seinen Sohn Mathias Christian Diedrich steckte er in die Kaufmannslehre. Lorenz Heinrich wurde Schiffer in Lübeck und später Kapitän der Brig Auguste.

Als Ernst Martin 65-jährig am 2. Januar 1794 in Lübeck starb, übernahm der älteste Sohn Mathias Christian Diedrich das Geschäft. Nun war es an Mathias Christian Diedrich, sich um seine Stiefmutter und um die noch unmündigen Geschwister den zehnjährigen Johann Martin und die dreizehnjährige Anna Maria zu kümmern. Seine Schwester Magdalena Catherine unterstütze den 23-Jährigen.
Ernst Martins zweite Ehefrau Anna Margarete, geborene Koock, starb erst 21 Jahre nach dem Tod des Gatten im Alter von 72 Jahren am 5. Mai 1815 vormittags in ihrer Wohnung in der Glockengießer-straße. In dieser Straße lag auch der Flüchtlingshof, ein Stiftshof, den ein wohlhabender Lübecker Ratsherr 1639 für die Witwen von Schiffern und Kaufleuten gestiftet hatte.