Klaipeda (Memel)

Klaipeda heute

Besuch in der Heimat

Litauen liegt weit ab von den westlichen Tourismuszentren. Nachdem sich der Eiserne Vorhang geöffnet hatte, besuchten Sehnsuchttouristen aus dem Westen die einstige Heimat. Unter ihnen war auch Edita, die ihren Kindern das Land zeigen wollte, indem sie mit ihren Geschwistern eine glückliche Kindheit erlebt hatte. Das war lange, bevor der große Krieg über das Land zog.

Edita wollte mit ihren Kindern die Orte aufsuchen, die sie so oft in ihren Erzählungen erwähnt hatte. Immer leuchteten ihre Augen, als sie von ihrer Ostsee sprach, von Sandkrug und der Süderspitze. Nach der Ankunft in Klaipeda, dem früheren Memel, suchten sie zuerst die Schule auf, die Edita besucht hatte. Sie steht noch heute. Danach ging es zum ehemaligen Friedhof der Stadt, der nun ein Skulpturenpark ist. Auf ihm waren einst viele Mitglieder von Editas Familie begraben worden, so auch die Urgroßmutter. Die Stelle des ehemaligen Grabes fanden sie nicht mehr.

Sie suchten nach der evangelischen Kirche, in der Edita oft dem Gottesdienst gelauscht hatte. Aber nur eine kleine Buchsbaumhecke auf den ehemaligen Fundamenten weist heutzutage hin auf die einstigen Umrisse des ehemaligen Gotteshauses. Zwar hatte die evangelische Kirche die Kriegswirren überstanden, aber nach dem Krieg passten Kirchen nicht in das politische Konzept und viele Gotteshäuser wurden eingeebnet. So auch diese einst evangelische Kirche. Nun leben andere Menschen hier und Klaipeda ist ihre Heimat. Nach der Wende keimten wieder viele kleine evangelische Gemeinden im katholischen Litauen auf.

Das Wetter war angenehm, nicht zu warm und nicht zu kalt. Ein Südwind wehte den Duft der Föhren vom Dünenrand ins Land. Im Jahr 2004 drängten sich dicht an dicht die Menschen auf der Autofähre, die keine Autos, sondern Passagiere vom Memeler Hafen hinaus nach Sandkrug auf die Kurische Nehrung brachte. Auf der Nehrung gegenüber dem Hafen stand einst ein Ausflugslokal auf der Düne. Es brannte ab. Was blieb, war die Erinnerung an fröhliche unbeschwerte Tage in Sandkrug. Von hier aus führt der Weg durch den Förenwald zum Strand an der Ostsee.

Der Strand war wenig besucht. Die Ostseewellen plätscherten in leichten Wogen an den Strand. Edita bereitete eine Decke aus und erzählte ihren Kindern die Geschichte der Ahnen. Eine Geschichte, die in Lübeck begann und im Baltikum seine Fortsetzung fand. Schließlich endete sie mit den abenteuerlichen Erlebnissen ihrer Flucht als Fünfzehnjährige, die sie nach Berlin führte, weit weg von Sandkrug und der Kurischen Nehrung. Erst als es wieder dämmerte, standen sie auf, um den Heimweg anzutreten, den Edita als Kind so viele Male gegangen war. Es sollte ihr letzter sein. Wenige Jahre später starb sie. Edita kam nicht mehr dazu, ein weiteres Mal ihre geliebte Nehrung zu besuchen.

Was blieb ist die Erinnerung an diese gemeinsam verlebten Tage in der alten Heimat. Die Familiengeschichte, die Edita einst am Strand erzählte, motivierte ihre Kinder die Fakten zusammenzutragen. Viele Angaben fanden sie in Editas autobiographischen Roman „Ostseewellen“. Die Erben überprüften die Quellen und fanden neue. Es ist ein Prozess, der noch nicht abgeschlossen ist. Nach und nach werden die Puzzleteile nach Quellenlage zusammengesetzt und finden auf diesen Seiten Platz.